Sag mir, wo die Punkte sind

Ausschnitt aus dem Spielberichtsbogen des Wasserburg-Spiels.

Ja, wo sind sie geblieben, die Punkte?

Hauptrunde vorbei. Nur noch Entscheidungsspiele. Am Wochenende Pokal-Top-4, ab Karsamstag Playoffs. Jeder Punkt kann entscheiden. Das war in den folgenden Fällen nicht so, zufällig: Nach zwei Hauptrunden-Spielen des BC Pharmaserv Marburg war das Endergebnis auf der Anzeigetafel nicht das, was in die Annalen eingeht.

Die – meist ehrenamtlichen – Offiziellen an den Kampfrichter-Tischen der Liga erledigen ihre knifflige Arbeit auch in hitzigen Situationen meist hervorragend. Nur falls etwas – vermeintlich – schiefläuft, werden sie beachtet und unter Umständen von Mannschaftsmitgliedern oder Zuschauern verbal attackiert. Ähnlich wie die Schiedsrichter. Daher ist dieser Beitrag nicht als Kritik an den Offiziellen oder verantwortlichen Vereinen zu verstehen. Er soll vielmehr auf ein Problem hinweisen und eine Diskussion zu dessen Lösung anstoßen.

14. Spieltag: Chemnitz – Marburg:
In der 21. Spielminute erzielt Chemnitz‘ Nummer 12 ein „And one“ (Zweier plus erfolgreichem Bonus-Freiwurf). Auf dem Spielberichtsbogen werden beim laufenden Ergebnis zunächst zwei Punkte für den Zweier (von 45 auf 47) und dann ein Punkt für den erfolgreichen Freiwurf (von 47 auf 48) addiert. Korrekt! Doch notiert wird das – durch die eckige Klammer um beide Zahlen – irrtümlich wie zwei erfolgreiche Freiwürfe (richtige Notation rechts am Rand).

Die Schiedsrichter bemerken den Fehler nicht und unterschreiben das Ergebnis 78:87. Der Spielleitung fällt ein paar Tage später die Unstimmigkeit auf: Sie geht von zwei erfolgreichen Freiwürfen aus und zieht den – vermeintlich zu viel gezählten – Punkt ab. Offizielles Ergebnis: 77:87.

Als wir das auf der Planet-Photo-DBBL-Webseite bemerken, informieren wir die Spielleitung mit Hinweis auf das offizielle Video bei Sportdeutschland.tv (Zeitcode: 1:14:55), dass es sich um keinen Zähl-, sondern nur einen Notationsfehler handelt und das Ergebnis 78:87 korrekt ist. Die Antwort: Videobeweis gilt nicht. 77:87 bleibt.

Regeltechnisch in Ordnung. Doch sollten nicht alle Beteiligten beim Verlassen der Halle wissen, wie das Spiel ausgegangen ist? Es herrscht ja Einigkeit über das Dreipunktspiel und das Ergebnis. Scouting und Anzeigetafel liegen richtig (78:87). Die zählen aber nicht, sondern im Zweifel der Spielberichtsbogen.

20. Spieltag: Wasserburg – Marburg:
Nach einem erfolgreichen Freiwurf von Wasserburgs Nummer 44 zum 62:58 erzielt Marburgs Nummer 17 bei 22,1 Sekunden auf der Hallenuhr einen Korbleger. Das zeigt das Video (Zeitcode 1:47:15). Anzeigetafel und Scouting (oben rechts, Zeit stimmt beim Scouting ja fast nie, die Punkte brauchen in dieser Situation etwas länger, sind aber dann richtg) zeigen 62:60. Auszeit Wasserburg.

Auf dem Video kann man erahnen, dass die Anschreiberin(?) noch den Freiwurf notiert, als der Ball von der Marburger Endlinie über das ganze Feld hinweg zu Baker geworfen wird. Vielleicht hat die Anschreiberin Bakers Korberfolg nicht gesehen. Was zu sehen ist: Zu Beginn der Auszeit diskutiert sie mit dem Scouter, hinter ihr auf der Bühne, und zeigt ihm den Spielberichtsbogen. Was nicht zu sehen ist: ein Anschreiber-Assistent. Und: Die Schiedsrichter würdigen den Anscheibebogen während dieser Auszeit keines Blickes. Bei 22,1 Sekunden im vierten Viertel und 62:60. Hätten sie geschaut, wären die fehlenden Punkte (hoffentlich) aufgefallen und (hoffentlich) nachgetragen worden.

Das Spiel endet 65:60 (auf der Anzeigetafel) für Wasserburg. Auf dem Bogen aber 65:58, denn Bakers Zweier fehlt (richtige Notation eingefügt). Dieses Ergebnis, das sich nicht(!) mit dem deckt, was alle Zuschauer in der Halle und am Stream gesehen haben, inklusive der Schiedsrichter selber, bestätigen die Schiedsrichter mit ihrer Unterschrift. Die Spielleitung veranlasst anhand des (falschen) Ergebnisses auf dem Bogen, dass das Resultat auf Planet-Photo-DBBL-Webseite geändert wird. Regeltechnisch in Ordnung.

Einen fast identlischen Fall gab es am 12.01.2014, als ebenfalls in Wasserburg ebenfalls der letzte Korbleger von Marburgs Tonisha Baker nicht notiert wurde (Youtube-Video).

Man darf sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte Marburg noch – laut Anzeigetafel, Scouting und Realität – mit einem oder zwei Punkten Differenz gewonnen. Marburg wäre freudig, Wasserburg traurig in die Kabine gegangen. Und dann?

Ohne den Kampfrichtern etwas zu unterstellen: Fehler passieren. Das ist menschlich. In Chemnitz hat es gar die eigene Mannschaft getroffen. Aber: Das System lädt regelrecht dazu ein, Punkte zu unterschlagen. Man kann es ja mal versuchen. Wenn es bemerkt wird, entschuldigt man sich artig. Doch die Chance, damit durchzukommen, halte ich für höher als 50 Prozent.

Die drei fehlenden Punkte aus den Marburg-Spielen beeinflussten keine Platzierung. Aber das ist Zufall. Und: Es wird wieder passieren. Die Frage ist: Wie weit wollen Liga und Vereine ihr Glück strapazieren?

Konstruiertes Beispiel: Das fünfte Finale um die Deutsche Meisterschaft geht mit einem Punkt zugungsten von Mannschaft A aus. Alle sind sich einig. Mannschaft A feiert, Mannschaft B trauert. Am Mittwoch liegt bei der Spielleitung der Spielberichtsbogen im Briefkasten. Und die stellt einen (angeblichen) Zählfehler fest. Demnach hat Mannschaft A (angeblich) zwei Punkte weniger. Also: Mannschaft B gewinnt nachträglich mit einem Punkt Differenz.

Die Liga-Leitung informiert nun also Mannschaft A: „Schickt bitte Goldmedaillen, Wimpel und Meistertrophäe zu Mannschaft B.“ Und das, obwohl das offizielle Video eindeutig belegt, dass die fraglichen zwei Punkte tatsächlich erzielt, von den Schiedsrichtern angezeigt und korrekt auf Anzeigetafel und im Scouting eingegeben wurden. Nur der Anschreiber hat sie vergessen.

Wäre der Fehler während des Spiels bemerkt worden, selbst wenn die Punkte verschollen geblieben wären, hätte Mannschaft A zumindest die Chance gehabt, die fehlenden Zähler noch aufzuholen und das Spiel auf dem Feld zu entscheiden.

Aber bei den Finals sitzt ja ein Kommissar am Kampfgericht, da passieren keine Fehler. Doch! Einmal in Marburg, einmal in Saarlouis – wenn auch nicht in Finals.

Ich bin ein entschiedener Gegner des Videobeweises, um strittige Situationen zu klären. Doch in den vorliegenden Fällen ist nichts strittig. Jeder in der Halle ist sich einig darüber, dass die Körbe gefallen sind. Es geht lediglich darum, einen offensichtlichen(!) Fehler des Kampfgerichts zu korrigieren, der eine unmittelbare(!) Auswirkung auf das Ergebnis hat. Nicht, ob eine Mannschaft eine Auszeit zu viel oder zu wenig erhält.

Wie soll man sich sonst als Verein verhalten? Nach dem Spiel nehmen die Schiedsrichter meist den Bogen mit in die Kabine, kontrollieren, unterschreiben und dann bekommen die Mannschaften ihre Kopien. Selbst wenn man als Verein dann die fehlenden Punkte bemerken und bei den Schiedsrichtern intervenieren würde: Es wäre zu spät. Der Bogen ist unterschrieben.

Das Regelwerk erlaubt einem Gastverein, einen Vertreter ans Kampfgericht zu setzen, sofern keine Kommissar eingeteilt ist. Aber: Will man das wirklich? Wer will diese Arbeitsatmosphäre in gegenseitigem Misstrauen? Jeder Verein kann auch auf eigene Kosten einen Kommissar anfordern. Aber warum erlaubt man für diese eindeutigen Fälle nicht die Feststellung des Ergebnisses anhand des Videos.

  • Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autoren wider. Diese deckt sich nicht notwendigerweise mit der anderer Mitglieder oder Verantwortlicher des BC Marburg.

(von Marcus Richter)